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Selbstevaluation als Teamleiter

Als Neuling in administrativer Arbeit, waren die Erwartungen an ein solches Projekt durchweg positiv. Ich stellte mir vor, dass ich eher in der Rolle eines Moderators wäre. Ich stellte mir vor, ein Forschungsprojekt wäre ein Selbstläufer und ich als Teamleiter müsse nur die einzelnen Ideen in ein größeres Gesamtbild einordnen. Spätestens in der dritten Woche musste ich feststellen, dass ich sehr naive Erwartungen an meine Aufgabe hatte.

Ein Punkt, welcher die konkrete Arbeit am Projekt erschwerte, war definitiv die Methodenkompetenz. Ich selbst habe in der vergleichenden Anatomie/ Physiologie und in der Pflegewissenschaft gearbeitet. Ich wusste, wie man eine wissenschaftliche Arbeit publiziert, wie man eine Recherche durchführt, was Grundlagenforschung ist oder wie man sich naturwissenschaftliches Wissen aneignet. Meine Mitschüler, die meistens gerade von der allgemeinbildenden Schule kamen, hatten diese Kenntnisse selbst nicht und so blieb keine andere Option, als diese Kenntnisse vorab zu vermitteln. Rückblickend war dies der schlimmste Aspekt des Projektes, denn mir selbst war nie bewusst, was eine lehrende Person leisten muss. Allein bei der Planung einer solchen Schulung gibt es sehr viele Hürden. Erst wählte ich einen problemorientierten Ansatz mit der PUR-Struktur (Problem, Ursache, Ressourcen), doch trotz des gleichen Problems, brachten meine Mitschüler so unterschiedliche Ressourcen mit, dass eine ressourcenorientierte Umsetzung der Schulungsplanung in Individualförderung ausgeufert wäre. Den engen Zeitplan im Blick, entschied ich mich die Schulung im regulären Vorlesungsstil zu halten. Ich dachte mir, meine Mitschüler könnten daraus zum einen das Wissen, um eine wissenschaftliche Arbeitsweise, lernen, aber auch abschätzen, ob sie sich später mal für ein Studium entscheiden, da hier der Besuch der Vorlesungen unabdingbar ist.

Doch, wie hätte es anders sein können, hörten manche nicht zu, einige waren nicht da, und wiederum andere drifteten mit ihren Fragen vom Thema ab. Von unserer Lehrerin Fr. Zimmermann bekamen wir ein kurzes Skript zum Thema wissenschaftliches Arbeiten. Ich ging davon aus, dass Schüler, die nicht da waren oder nicht aufgepasst hatten sich dieses Skript zur Hand nehmen und sich die notwendige Methodenkompetenz aneignen. Doch beim Einreichen der ersten Rechercheergebnisse, musste ich nüchtern feststellen, dass weder Quellen hinterfragt wurden, noch ein Text richtig bearbeitet wurde (Copy-Paste). Einige Schüler reichten allerdings auch hochwertige Recherchen ein, jedoch musste ein Teil dieser Schüler an anderen, parallellaufenden Projekten weiterarbeiten.

Nach mehreren kurzen Instruktionsgesprächen versuchte ich die Recherchen nochmals an meine Mitschüler zu verteilen. Ich baute in dieser Zeit den Modellversuch in Kooperation mit Tim Krukenbaum (Projekt Strömung) auf und schrieb selbst Blog-Beiträge über die Anatomie und Physiologie des Bewegungsapparates der Fledermaus. Doch erneut war die Beitragsausbeute gering. Teilweise wurden die selben Beiträge, wie zuvor eingereicht, obwohl ich das Feedback gegeben habe, dass einen Text zu bearbeiten nicht heißt, dass man ihn kopiert und seinen Namen drunter setzt.

Als Konsequenz zog ich, dass ich die Recherche ein drittes Mal zurück an meine Mitschüler gab, welche diesmal einen konkret ausformulierten Erwartungshorizont bekamen. Doch die Ergebnisse blieben diesmal sogar fast vollständig aus, bis auf einen Beitrag, den der Schüler immer noch durch bloßes kopieren und einfügen erstellte.

Aus meiner geringen Frustrationstoleranz heraus, sollten die Schüler sich nun irgendwie anders am Projekt beteiligen. Wie die Schüler dies machen sollen, blieb ihnen selbst überlassen. Ich beschloss notwendige Recherchen selbst abzuschließen und die schriftliche Untersuchungsplanung zu beginnen. Meine Mitschüler nahmen sich ihre Freiheit und nutzten sie, um in der Projektarbeitsphase in kleinen Gruppen an Tischen zu sitzen und zu plaudern.

Doch das bloße unreflektierte Aufzählen von Problemen bringt einen Wissenschaftler nicht weiter. Wenn ich retroperspektiv betrachte, welche Ursachen den Problemen zu Grunde liegen, dann muss ich bei mir selbst anfangen.

Zum Planen eines Projektes ist es unabdingbar abzuschätzen, ob das Projekt realisierbar ist. Dies habe ich zwar getan, jedoch habe ich die personellen Ressourcen nicht beachtet. Meine Mitschüler sind gerade erst in die Sekundarstufe II gekommen und können natürlich noch nicht wissenschaftlich arbeiten. Auch kann ich nicht von 16-20-jährigen erwarten, dass sie autodidaktisch das fehlende Wissen ausgleichen. Entweder hätte ich von Anfang an erkennen müssen, dass durch personelle Ressourcen das Projekt nicht realisierbar ist oder ich hätte allein an dem Projekt arbeiten sollen. Die dritte Möglichkeit wäre gewesen, meinen Mitschülern notwendige Kenntnisse zu vermitteln, jedoch besitze ich dazu nicht die notwendige Lehrfähigkeit und Zeit.

Das vermitteln der Kenntnisse im Vorlesungsstil war auch unklug gewählt, da die Schüler beim ersten Kontakt mit einer universitären Vermittlungsweise natürlich nicht die inhaltliche Ebene wahrnehmen. Diejenigen, die sowieso nicht studieren wollen, schalteten spätestens hier ab. Diejenigen, die studieren wollen, beschäftigen sich mehr mit dem Setting einer solchen Lernsituation. Aus Gesagtem notwendiges Wissen herauszufiltern und zu bewerten und selbstständig dieses Wissen zu sichern ist natürlich zu viel, für jemanden, der bisher konkrete Lerninhalte und Übungen von einem Lehrer bekommen hat.

Nachdem ich merkte, dass immer wieder das Gleiche bei der Recherche herumkommt, hätte ich sofort intervenieren müssen. Doch ich kannte dieses Verhalten von mir nicht und wusste nicht damit umzugehen. Ich war schon immer eher ein Autodidakt.

Ich denke als Resümee kann ich zusammenfassen, dass eine vollständige Planung eines Projektes über dessen Erfolg oder nicht Erfolg entscheidet. Die Ergebniskontrolle ist auch schon bei kleinen Zwischenergebnissen wichtig. Und zu der Rolle einer Lehrperson zählt unglaublich viel Geduld und Können. Eine Lehrperson muss jeden dort abholen, wo er steht und auch so motivieren, dass alle zusammen das Lernziel erreichen. An dieser Stelle möchte ich anmerken, dass wir die Arbeit von Lehrern viel zu wenig würdigen. Wenn man selbst nicht unterrichtet, kommt man mit dieser enormen Adhärenz-Toleranz nicht in Berührung.

Meine Erwartungen an die Rolle des Teamleiters wurden nicht erfüllt, was eher an meinen Erwartungen lag und nicht an der Rolle an sich. Jedoch ziehe ich meinen imaginären Hut vor all denjenigen, die diese wirklich anspruchsvolle Aufgabe übernehmen!

 

Von Andre M. Dreher

 

P.s. im neuen Schuljahr werden wir das Projekt wahrscheinlich mit einer aufbauenden Zielsetzung auf den jetzigen Stand erneut anmelden und dann in kleinerer Gruppe fortsetzen!

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